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“Die gekaufte Braut” von da8

Ich telefoniere mit meinen Eltern. Mein Vate will reden. Und er redet. Es gibt wichtige Dinge im Leben, die man erledigen muss. Es gibt keinen anderen Weg. Man kann sich diesen Dingen nicht entziehen. Sie machen auf die Dauer glücklich. Je früher man damit anfängt, umso glücklicher wird man. Disziplin ist wichtig. Man muss programmiert leben. Es ist die Pflicht und die Liebe der Eltern ihre Kinder auf diesem Weg zu unterstüzten. Heiraten. Familie gründen. Und Kinder kriegen. Solange die Eltern einen noch auf diesem Weg unterstüzen können. Schau dir Tedros an. Er hat auch studiert, gearbeitet und in Eritrea eine Eritreerin geheiratet. Wie glücklich er ist. Und wie glücklich seine Eltern sind. Eine schöne Hochzeit war es. Und Kinder hat auch er schon. Es ist wichtig, dass die Eltern bei der Partnerwahl helfen. Sie haben die Verbindungen vor allem nach Eritrea, um die notwendigen Informationen über die Braut und vor allem ihre Familie zu organisieren. Man müsse schließlich schauen ob sie aus einer guten Familie kommt, weil das für das Gelingen der Ehe wichtig sei. Überhaupt führe die eigene Suche nach einer Braut nicht zum Erfolg, weil es der neuen Generation an der notwendigen Weisheit fehle und sie nur im Augenblick lebe. Auch die bessere Ausbildung könne die Weisheit der Lebenserfahrung der Eltern nicht aufwiegen. Und da die Liebe der Eltern zu ihren Kindern von Gott gewollt ist und damit die stärkste Kraft der Welt ist, kann die Suche nur erfolgreich sein. Er hat auch eine bestimmte Person im Sinn. Sie ist 24 und aus gutem Hause und heißt Asmeret. Sie ist die Tochter eines guten Freundes. Sie hat auch was mit Computern studiert. Das magst du doch. Ihr werdet euch gut verstehen. Sie sieht auch gut aus und ist gesund. Sie ist auch ein Hausmädchen und treibt sich nicht rum. Sie war schon ein paar mal bei uns und freut sich darauf dich kennen zu lernen. Wut steigt in mir auf. Ohnmacht. Wut. Ohmacht. Ich bin depremiert. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich muss los. Ich melde mich und sage dir was ich denke Papa. Ich bin unterwegs aber ich kommen nicht weg. Was mache ich falsch. Was verstehe ich nicht. Ich erstarre in der Maske eines kleinen Jungen, der lächelt und nicht weiter weiß. Depremiert. Warum immer ich. Warum immer ich. Ich bin der Älteste. Der Anständige. Der Elternsohn. Der Schwiegermütterliebling. Der ewig Bemühte. Der Streber. Der gute Schüler. Und ich bin es gern. Warum auch nicht. Den Eltern gefallen. Nach der Liebe des Vaters streben. Familie ist das Wichtigste. Was bin ich ohne meine Familie. Nichts. Ohne meine Familie wäre ich nicht am Leben. Ohne meine Familie hätte ich die Flucht nicht überlebt. Ich stelle mir vor nach Eritrea zu gehen. Ins Haus meines Vaters. Da zu sitzen. Zu warten auf ein Zeichen von ihm. Ich steige zu meinem Vater in sein Auto. Wir fahren zu der Familie von Asmeret. Die Fahrt ist kurz. Wir steigen aus. Mein Vater übernimmt das Reden. Wir werden vom Vater von Asmeret begrüßt. Wir gehen ins Wohnzimmer. Die Mutter huscht herein und macht uns Tee. Die beiden Väter reden über ihre gemeinsame Vergangenheit und die Pläne für die Hochzeit. Die Rollen sind klar verteilt. Dann gibt es Mittagessen. Da sehe ich Asmeret zu ersten Mal. Ein hübsches Mädel in ihren Hausklamotten. Sie hilft in der Küche mit aber sie setzt nicht zu uns. Ich sage, dass das Essen schmeckt. Die Mutter freut sich und begutachtet mich weiter. Das Essen hat Asmeret gekocht. Es wird weiter geredet. Ich bin auf ein paar Zurufe reduziert. Nach dem Mittagessen gibt es Kaffee und Popcorn und Himbascha. Jetzt setzt sich Asmeret zu uns und übernimmt den Kaffeekessel von ihrer Mutter. Sie hat sich umgezogen. Ich verkrieche mich in mein Innerstes. Ich bin nur noch Sohn. Ich nicke nur noch und bin außer mir. Ich stelle mir unsere gemeinsame Zukunft vor. Ein geregeltes Zuhause. Asmeret als liebevolle Hausfrau und Mutter und eine gute Schwiegertochter meines Vaters. Wenn mein Vater zu Besuch kommt wird sie ihn gut behandeln. Sie versteht ihn. Sie kennt die ganzen Rituale einer eritreischen Familie. Sie weiß was sie erwartet und wie sie sich verhalten wird. Wir brechen auf. Das war es. Endstation. Ich wache auf. Ich steige aus dem Zug und stehe da. Ich weiß nicht weiter. Ich gehe Richtung Treppe. Menschenmassen. Ich bin allein. Ich gehe nach Hause. Ich ertrinke in einem Meer von Gefühlen. Ich schlafe ein, depremiert. Nach einer unruhigen Nacht gehe ich zur Arbeit. Am Abend treffe ich Habtom. Ich rede mit ihm übers heiraten. Über die eritreischen Traditionen. Ich bin wütend. Ich habe die Übergriffe meines Vaters satt. Ich gehe nach Hause und schreibe ihm eine E-Mail. Ich genieße meine Wut und spüre die Energie die in ihr liegt. Zeile für Zeile fließt aus der Tastatur und das Gefühl der Stärke übermannt mich. Am Ende bin ich ausgelaugt. Das war es ein für alle mal. Monate später kommen meine Eltern zu Besuch. Nach ein paar Tagen des gegenseitigen Abtastens, Fragen meiner Gesundheit und Wohlverhalten, Allegmeinplätzen wie der Weltwirtschaft kommt das Thema wieder auf den Tisch. Mein Vater bringt mich zu Bahnhof, damit wir reden können. Ob ich darüber nachgedacht habe. Über seinen Vorschlag. Ich zähle die Minuten. Noch 20 Minuten bis zum Hauptbahnhof. Das halte ich noch aus. Es ist kein Gespräch. Es ist eine Predigt. Ich sage Amen. Wir verabschieden uns. Er schlägt vor noch ins Kaffee zu gehen. Damit wir das Gespräch weiterführen können. Ich fassele was von Unterlagen fürs Finanzamt. Und bin weg. Irgend etwas hat sich geändert. Ich bin nicht mehr wütend. Ich empfinde nichts mehr. Ein kleine Enttäuschung. Ist es so einfach. Wirklich so einfach. Ich spüre Erleichterung. Und Trauer. Ich habe mich gefragt, warum ich. Die ganze Zeit nur warum. Was ich gesucht habe war die Anerkennung und Liebe meines Vaters um meiner selbst willen. Gesehen habe ich seine Pläne mit mir. Erlebt habe ich sein Leben in mir. Es schmerzt mich. Es depremiert mich. Es macht mich wütend. Es macht mich ohnmächtig. Und das wird sich nie ändern. Ich kann ihn nicht zwingen mich zu lieben. Vermutlich liebt er mich auf seine Art. In dem er seine Vorstellungen von mir verwirklicht. Seine Vorstellungen sind aber nicht meine. Auch wenn ich Wort für Wort seine Vorgaben umsetzte wäre es dennoch mein Leben. Auch wenn ich alles erfüllte was  er vorgibt, so wäre es immer noch ich. Was er in mir liebt ist das Bild seines Sohnes in mir aber nicht mich. Was ich auch immer bin er wird immer nur sein Bild von mir sehen. Ich gebe auf. ich gebe einfach auf die Liebe meines Vaters zu suchen. Seine Anerkennung zu suchen. Es schmerzt und tut manchmal unendlich weh. Etwas aufzugeben was ich solange gesucht habe. Mein ganzes Leben lang. Mit ganzer Kraft. Doch dieses Aufgeben befreit mich. Nach und nach gibt es Kräfte in mir frei, die ich bisher nicht kannte. Ich komme zu mir. Ich beginne die Welt durch meine Augen zu sehen. Meine Bedürfnisse zu spüren. Die Schritte sind holprig weil die Ausrichtung fehlt und nur ich die Richtung vorgeben kann. Und langsam finde ich die Liebe, die ich all die Jahre in meinem Vater gesucht habt. In mir.